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Gesundheitsurlaub mit Jens Corssen
Jens Corssen, geboren 1942 in Berlin, ist Diplom-Psychologe und Verhaltenstherapeut sowie einer der profiliertesten Berater und Referenten im deutschsprachigen Raum

Interview Jens Corssen

Frage: Herr Corssen, ein zentraler Gedanke Ihrer Selbst-Entwickler Philosophie lautet "Was ist, ist". Was meinen Sie damit?

Antwort J. Corssen:
Der Satz geht weiter: "… Und wie ich es beurteile, ist mein ganz persönlicher Beitrag zum Leben. Und das bestimmt mein Erleben und Verhalten."
Ich bejahe die Tatsache. Das heißt jedoch nicht, dass ich sie gutheiße, sondern: Ich akzeptiere erst einmal das, was ist. Gegen das Leben zu sein, ist ein Verliererspiel. Denn was mich stört verschwindet ja nicht, nur weil ich dagegen bin. Durchs Klagen verliert man die Energie, die man braucht, um etwas zu ändern, um innovativ zu sein. Deshalb sage ich meinen Klienten: Es gibt keine "Probleme", sondern nur Situationen, die ungünstig sind für die eigene Erwartungshaltung. Ich bin zum Beispiel einmal mit einem Auto auf der Autobahn liegen geblieben, ich habe mich auf den Standstreifen gestellt und mir selbst gesagt: "Danke Situation, du bist mein Coach". Damit habe ich eine Einstellungsänderung vorgenommen und mich selbst wieder in die Rolle des Handelnden, raus aus der Opferrolle gebracht. 

Frage: Sie sprechen in Ihren Vorträgen und im Seminar über "inner coaching"- hat das etwas damit zu tun?

Antwort J. Corssen:
Ja. Ich möchte Ihnen am Beispiel einer 36-jährigen Frau zeigen, wie man sich wirklich "am eigenen Schopf aus dem Sumpf" ziehen kann: Als verheiratete Sprachlehrerin hat sie wegen der zwei Kinder ihre engagierte Arbeit bei einer internationalen Firma aufgegeben. Zuhause fühlt sie sich jetzt geistig völlig unterfordert und gleichzeitig seelisch-körperlich überfordert. Sie leidet an Spannungskopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Traurig und verzweifelt bricht sie unvermittelt in Tränen aus und klagt: "Das kann doch nicht so weiter gehen!". So kommt sie zu mir und bittet um Unterstützung. Ich erzähle ihr von Arbeitsmönchen im Kloster, die sich durch einfache Tätigkeiten in Küche und Garten in einen meditativen, entspannten Zustand bringen. Sie machen nichts anderes, als die anfallenden Arbeiten so schnell und präzise wie möglich auszuüben. Über diese disziplinierte Schnelligkeit und die nur auf die Gegenwart gerichtete Konzentration geraten sie in den angestrebten Glückszustand. Der Dalai Lama antwortete auf die Frage, wie man glücklich wird: "Tue das, was Du tust, mit ganzem Herzen." Auf meine Anregung hin beschliesst sie, ihre morgendlichen Tätigkeiten wie Betten machen, Küche aufräumen, usw. in mönchischer Geisteshaltung zu erledigen. Also: Bevor sie das Kinderzimmer zum Aufräumen betritt, verbeugt sie sich kurz würdevoll, hat vorher genau die Reihenfolge ihrer Aktivitäten festgelegt und erledigt sie dann so schnell und so präzise wie möglich. Nach diesem Dienst verbeugt sie sich wieder. Anschließend macht sie eine Pause von exakt drei Minuten, trinkt ein Glas Wasser. Und dann kommt die nächste Aufgabe dran. Nach einer Woche berichtet sie: "Erstens bin ich mit dem Erfolg meiner Arbeit sehr zufrieden. Zweitens verhindert die Anweisung "präzise und schnell', dass ich anfange zu grübeln. Meine negativen Gedanken finden keinen Platz mehr. Drittens schaffe ich meine übliche Arbeit, die ich jetzt als Meditationsübung ansehe, in der Hälfte der Zeit. Und viertens fühle ich mich danach energetisch so aufgeladen, dass ich zusätzlich noch Dinge erledigen kann, die ich schon lange vor mir hergeschoben habe!" Und sie nutzt die freigewordene Zeit zwischen zehn und zwölf Uhr auch für "Freude-Einheiten". Nach getaner Pflichterfüllung kann sie diese besonders genießen. Dieses Erst-einmal-Akzeptieren "belastender" Umstände und sich dann mit voller Aufmerksamkeit auf gegenwärtiges Tun zu konzentrieren, ist auch eine gute Methode, um im beruflichen Bereich wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Dadurch reduziert sich die "Jammerrate" enorm, die Qualität der Arbeit sowie die persönliche Ausstrahlung nehmen kontinuierlich zu. Die so zurück gewonnene Energie kann man dann einsetzen, um stimmungsaufgehellt seinen beruflichen und privaten Alltag noch erfolgreich zu bewältigen.

Frage: Es geht also um eine Veränderung der Sichtweise?

Antwort J. Corssen:
Genau! Was uns festhält, sind unsere Denkgewohnheiten, und die basieren auf neuronalen Verknüpfungen. Die gewohnten Gedanken rasen im Gehirn sozusagen auf einer breiten Autobahn. Es geht deshalb darum, die mentale Software umzuprogrammieren, die breite Spur zu verlassen. Auf diese Weise kann man zwar nicht seine Persönlichkeit total verändern. Aber jeder kann seine Veranlagung und seine persönliche Entwicklung durch Selbst-Bewusstheit fördern.

Frage: Und wie kommen wir zu dieser Selbst-Bewusstheit?

Antwort J. Corssen:
Ich bin eine Art Ingenieur, der mit den Klienten gemeinsam ihre Art zu Denken untersucht und ihnen bewusst macht, was sie diese kostet. Erst wer weiss, was er denkt und tut, kann auch damit aufhören. Dafür habe ich viele Übungen entwickelt, mit denen zunächst diese Selbst-Bewusstheit erreicht werden kann. Im nächsten Schritt geht es dann darum, wieder "Boss" seiner Gedanken zu werden und sich neu zu entscheiden, was und wie man denkt. Wichtig ist, dass Einsichten alleine gar nichts ändern. Nur wiederholte Einsichten materialisieren sich auf der Verhaltensebene. D.h. es geht darum, förderliche Gedanken festzuhalten und die spezifischen Übungen sehr oft zu wiederholen!

Übrigens: Ich bin ein Gegner von ausschliesslich positivem Denken, weil es Trauer, Wut und Verzweiflung verteufelt. Es gilt also, diese Primärgefühle zuzulassen und auszudrücken. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass Leute erkranken, die ihre Emotionen unterdrücken. Ohne Nichtfreude ist Freude ja nicht erlebbar. Ohne Winter keine Freude an den ersten Krokussen im Frühling.

Frage: Bedeutet das, wahre Lebenskünstler erarbeiten sich auch ihr Glück?

Antwort J. Corssen:
So kann man das sehen. Glück ist tatsächlich auch eine Überwindungsprämie. Sozusagen der Lohn für eine Anstrengung. Und nicht zu vergessen: Die Anstrengung hat einen Wert an sich. Besonders wenn man sie mit Leidenschaft betreibt.

Das gelingt nicht täglich ...

Antwort J. Corssen:
Arbeit hat oft einen negativen Beiklang im Sinn von Pflichterfüllung. Viele macht dieser Muss-Gedanke rebellisch. Deswegen würde ich den Begriff Arbeit durch den Begriff Tätigkeit ersetzen. Das klingt weniger nach Fremdbestimmung.

Frage: Stichwort:Work-Life-Balance. Gibt es Regeln, die für alle gelten?

Antwort J. Corssen:
Das wirkliche Problem ist das Wort, weil man damit ein Gegensatzpaar aufbaut. Lebt man denn nicht, wenn man arbeitet? Das ist genauso irreführend wie der Begriff Freizeit. Dann wäre der Alltag im Job ja Gefängniszeit.

Frage: Also ist es wieder unser gedankliche Beitrag der uns belastet und nicht die Situation?

Antwort J. Corssen:
Natürlich! Meiner Erfahrung nach werden die wohlgemeinten Zeiteinteilungen à la 60 Prozent  für den Job, 40 Prozent für Freunde und Partner nicht eingehalten. Nur die Schuldgefühle steigen, weil man mit einer Entscheidung sein Leben eben nicht sofort ändern kann. Ich glaube, die einfachste Möglichkeit, eine Art innere Balance zu schaffen, ist die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen mit dem Vorsatz: Ab heute tue ich alles ohne Schuldgefühle oder ich mache es nicht! Dann leben wir authentisch und können unsere Bedürfnisse glaubwürdig vertreten.

Frage: Ein weiterer Gedanke den wir bei Ihnen hören ist „Da wo ich bin, will ich sein.“

Antwort J. Corssen:
Und : "… alles andere war mir bisher in meiner Vorstellung zu teuer." Aufgepasst: Ich sage nicht, da wo ich bin, will ich gerne sein. Jedoch unterm Strich, mit allen Vor- und Nachteilen, ist mein gegenwärtiges Tun eben noch das geringste Übel. Wenn ich mir dessen bewusst bin, verstehe ich auch, dass ich mich ja jeden Tag neu entscheiden kann. Wenn ich mich z.B. morgens entscheide, zur Arbeit zu gehen, dann ist es schlau, dort mein Bestes zu geben - denn als Kostenberechner weiss ich, dass es viel zu freudlos und anstrengend ist, sich als Opfer zu fühlen weil man denkt, "ich muss wieder in diesen Sauladen. Ich bin ein armes Schwein." Also: Wenn ich mich für etwas entscheide, dann tue ich es mit ganzem Herzen.